Dezember-Blues?
Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, doch mich wühlt diese Zeit im Jahr immer auf.
Die Sterberate ist in den Wintermonaten ziemlich hoch, und es ist bekannt, dass die Schweiz eine Selbstmordrate hat, die im weltweiten Vergleich weit oben liegt. Erschreckend, aber irgendwie auch verständlich. Viele Menschen kommen gerade in dieser Jahreszeit an ihre Grenzen – und zwar auf allen Ebenen.
Oft hört man, es habe nur mit der Einstellung zu tun. Positives Denken. Dann kommt alles gut. Und wenn nicht? Dann hast du dich nicht genügend angestrengt.
Das ist meiner Meinung nach eine ziemlich eingeschränkte Sichtweise. Positives Denken allein hilft nichts, wenn wir nicht zur Ruhe kommen.
Denn eigentlich ist jetzt die Zeit des Winterschlafes. Die Natur macht es uns vor. Nur wir Menschen haben das Gefühl, wir müssten in dieser Zeit des Rückzugs, in der Erholung und Stille so wichtig wären, ein riiiiesen Programm aufgleisen. So viel Programm wie im Dezember haben die meisten das ganze Jahr über nicht. Man hat fast das Gefühl, am Ende des Jahres sei das Leben vorbei.
Und wenn es so wäre? Dann täten wir doch viel besser daran, den Moment zu leben. Zeit mit unseren Lieblingsmenschen, -tieren, -pflanzen und -orten zu verbringen.
Stattdessen rennen wir von Aktivität zu Aktivität und wünschen allen unterwegs eine besinnliche Adventszeit. Besinnlich? Das heisst, sich auf die wesentlichen Dinge im Leben zu besinnen. In Ruhe und Einkehr. Ganz bei sich und ganz im Jetzt.
Dieses Wort passt eigentlich wunderbar zu dieser Jahreszeit. Doch wir schmeissen regelrecht mit diesem Wort um uns und haben eigentlich keine Ahnung, was es bedeutet, oder aber wir sind selbst weit davon entfernt, uns zu besinnen.
Denn wir haben keine Zeit. Weihnachtsstress.
Die Onlineportale boomen, weil man dort noch schnell unterwegs ein Weihnachtsgeschenk für jemanden kaufen kann, der eh schon alles hat. Aber man kann ja nicht mit leeren Händen ans Weihnachtsfest kommen. Wie unangenehm wäre es, wenn man selbst Geschenke bekommt, aber niemanden beschenkt?
Schenken macht Freude, ja, es kann sogar ein Glücksgefühl auslösen. Das ist wunderschön und auch heilsam für die Seele. Wenn das Schenken aus dieser Energie heraus stattfindet, spricht gar nichts dagegen. Im Gegenteil.
Doch Hand aufs Herz: Wie viele Geschenke entstehen aus dieser Freude heraus?
Die meisten Geschenke unterliegen dem Kreislauf von: Du hast mir etwas geschenkt, also muss ich dir auch etwas schenken.
Und dann entsteht der eben genannte Gschänkli-Stress.
Wie aussteigen? Kommunikation.
Und vielleicht ist die Reaktion ganz erstaunlich. Freudig, erleichternd … weil es eigentlich allen gleich geht, sich aber niemand traut, den ersten Schritt zu tun. Denn das würde bedeuten, von einem alten (Stress-)Ritual Abschied zu nehmen.
Was würden wir dann mit der ganzen Zeit machen, die wir plötzlich haben? Uns besinnen?
Wir hätten jedenfalls die Möglichkeit, unsere Kommunikation am Weihnachtsfest nicht auf die Schenkerei und darauf zu beschränken, wo man was umtauschen kann, sondern neue Gespräche entstehen zu lassen. Wir würden uns dadurch vielleicht sogar näherkommen und merken, dass es uns ähnlich geht.
Wir fühlen uns manchmal sehr einsam. Nicht weil wir allein sind, sondern weil wir uns nicht verstanden fühlen. Weil wir unsere Ängste, Hemmungen und Schamgefühle haben und diese nicht mit anderen teilen können. Und dann ist da die Sehnsucht, in die Arme genommen und geliebt zu werden, so wie wir sind. Ohne Maske und Weihnachtsschmuck.
- Darum lasst uns langsamer werden.
- Lasst uns den Mut haben hinzuschauen – auch dorthin, wo es weh tut.
- Lasst uns den Mut haben, diesen Schmerz zu teilen, auch wenn wir Angst haben, nicht verstanden zu werden.
- Lasst uns den Mut haben, still zu sein und auf die leise innere Stimme zu hören, die schon so lange vom Lärm des Geistes übertönt worden ist.
- Lasst uns den Mut haben, zu leben. Mit dem, was ist.
- Lasst uns den Mut haben, in dieser besinnlichen Adventszeit besinnlich zu sein.
Und falls ihr jetzt doch noch ein Weihnachtsgeschenk braucht, dann schenkt euren Liebsten doch Zeit. Bei einem warmen Chai mit oder ohne Kuchen.
Oder wie wäre es mit einem Gutschein für ein paar (besinnliche) Yoga-Momente?
Ich wünsche euch eine beSINNliche Adventszeit.
Dezember, 2019